Jochen Dietrich

Camera Catacumba

19. Mai – 4. September 2016

Out of Castle (Siegerlandmuseum, Oberes Schloß, Siegen):
Foyer des RWE Siegen

 

Eröffnung am 19. Mai. 2016 um 19 Uhr

Einführung: Olaf N. Schwanke

 

Zur Ausstellung

Obwohl die Bilder dieser Reihe durchaus auch auf ihre piktorialistischen Qualitäten hin befragt werden können, geht es in ihnen – wie in früheren Arbeiten – vornehmlich um den Prozess. Produziert wurden die Bilder im Laufe einer Reise durch Mittel- und Südportugal in der Woche vor Allerheiligen im Jahr 2013. Mittels einer einfachen Konstruktion aus Pappkarton, Alufolie und schwarzem Baumwollstoff verwandelte ich auf etlichen Friedhöfen des Landes Ossarien und gemauerte Grablegen, die vorübergehend unbenutzt waren, in Lochkameras. Die Projektion der Landschaft ins Innere der rechteckigen Kammer wurde mit einer gängigen Digitalkamera aufgezeichnet. Die stellte ich mit aktiviertem Selbstauslöser in die Grabstelle in der Wand, verschloss diese sodann mit dem “gelochten” Pappendeckel und zählte die Sekunden. Was man sieht, sind Toten-Stadtlandschaften. Über den metaphorischen Reichtum dieses technisch so rudimentären Prozesses brauche ich nicht zu sprechen. Verändert habe ich vor Ort sonst nichts. Manchmal gab es Gegenstände in diesen Gehäusen: leere Flaschen von Chlorreiniger, Papierblumen, zerbrochene Marmortafeln, Kerzen. Überreste vom Leben und Sterben, auch vom Business des Totengedenkens. Und Business gab es reichlich, auf den Friedhöfen des Alentejo und der Algarve in der Woche vor Allerheiligen.

Die Portugiesen leben mit ihren Verstorbenen; sie halten ihre Wohnungen sauber, erneuern Kränze und Gebinde von Plastikblumen, ersetzen die zerschlissenen Deckchen und Vorhänge durch neue. Die Scheiben vor den Särgen werden geputzt, die Grabsteine gebürstet. Zwischendurch streckt man den Rücken durch, raucht ein Zigarettchen, hält ein Schwätzchen, bedient sich aus dem Picknickkorb. Nirgends sonst auf der Welt sah ich so viele Gräber offen stehen, so viele Särge auf Armeslänge vor mir, und längst nicht alle heil und verschlossen. Und nirgends sah ich Menschen, denen das so wenig auszumachen schien, wie hier. Meine eigenartigen Aktivitäten nahm ohnehin niemand wahr. Ich war bloß ein weiterer vielbeschäftigter Mensch auf einem Friedhof, der vor Vitalität nur so brummte.

In den Bildern findet all die Betriebsamkeit keinen Niederschlag, die Belichtungszeit verhindert das. Still und leer liegt die Welt der Lebenden vor uns, wenn man sie von der anderen Seite aus betrachtet.

 

Zur Ausstellung ist ein Katalog erschienen.